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Ruhender Verkehr
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Erste Liebe

Martins erste Liebe bleibt unerfüllt. Sie wird nie seine sein. Ihr Name ist Isabella, Nachname Borgward. Borgward Isabella Kombi. Während Mercedes in der Nachkriegszeit weiter Autos baut, die vom Styling her noch Hitler und Konsorten und ihrer spießigen Gefolgschaft entsprechen, entwirft Borgward in Bremen technisch und stilistisch innovative Autos. Martin findet, dass alles zusammenpasst; in Bremen hat er als kleiner Junge in den Ferien die atemberaubend schönen amerikanischen Autos gesehen. Die Isabella kann es mit ihnen aufnehmen.

Kein Wunder, sagt später Martins Onkel in Bremen, dass die alteingesessenen Autobauer Borgward aushun- gerten, indem sie dafür sorgten, dass er keine Kredite mehr bekam. Er war ein guter Ingenieur, aber ein schlechter Rechner. Seine Autos waren den anderen um Längen voraus. Martins Onkel kaufte sich dann aus der Konkursmasse noch eine zweite Isabella und stellte sie in die Garage.

Einem südafrikanischen Ehepaar ist es zu verdanken, dass diese erste Liebe nicht völlig im Platonischen versauert. Er steht südlich von Oslo an einer Bushaltestelle im Wald, als sie anhalten. Eine nagelneue Isabella Kombi. »I am Bill, this is Sheila.« Sie haben Stockholm und Oslo ›gemacht‹ und sind auf dem Weg nach Kopenhagen. Ein Traumlift. Den Wagen haben sie in der Fabrik in Bremen abgeholt und wollen Europa kennenlernen, nach Skandi- navien noch Frankreich, die Schweiz und Italien. Sie haben drei Monate Zeit für ihre Reise, und das Auto macht ihnen riesigen Spaß. »It’s big fun«, sagt Bill und schnalzt mit der Zunge. »Great car. And it’s a beauty.« Bei einer Rast am späten Nachmittag bieten sie ihm ihren Lieblingsdrink an, kalte Milch mit Cognac. »Wir sollten dir vielleicht keine schlechten Gewohnheiten beibringen«, sagt Sheila, »but it’s so good. Und es hilft gegen Erkältung, dann aber mit heißer Milch und Honig.« Martin beruhigt sie, Cognac könne er sich eh nicht leisten, und ein solches Auto noch sehr, sehr lange nicht. Er erzählt ihnen, dass die Isabella Kombi sein Traumauto sei, »meine erste Liebe«, sagt er, und dass er sich als Schüler solche Reisen damit vorgestellt habe. »Your first love? Was für eine süße Idee, so von einem Auto zu spre- chen«, sagt Sheila. »Wir leben also deinen Traum, du musst neidisch sein.«

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